Das Sommerleben einer Wasserratte

D
A
S

F
R
E
I
B
A
D

2000 - Beatlemania in Hochfrequenz

Hören und Sehen ....

Seit meinem sechsten Lebensjahr war ich an die tollsten Geräusche gewöhnt. In diesem Jahr unterzogen sich diese langjährigen Erfahrungen einer Neuerung. Ich baute meine Wohnung aus und errichtete in der ersten Etage einen Wintergarten mit Terrasse, was mich die Geräusche nicht nur hören, sondern deren Verursacher live und in Farbe sehen ließ. Ich wuchs quasi über die Freibadmauer hinaus. Einige dieser Geräusche ließen das Blut in den Adern gefrieren, andere trieben eher die Schamesröte ins Gesicht.

Zunächst das Geräusch der Marke Beatlemania: Kreischende Mädchen. Das ist definitiv genetisch bedingt! Ich habe hierfür eine wissenschaftlich fundierte Erklärung: Das zweite X-Chromosom! Das Stück, das da unten zum Y-Chromosom zu viel ist, enthält die genetische Voraussetzung für die fehlende Kontrolle über die Stimmbänder in bestimmten Situationen und ab einer bestimmten Frequenz. Meine wissenschaftlichen Untersuchungen sind eng mit dem Freibad verbunden und beruhen auf empirisch belegten Erhebungen.

Beispiel eins: Mädchen im Planschbecken, spielend. Jemand spritzt mit Wasser. Die Konsequenz sind Schallwellen aus der Kinderkehle, die jedem Tinnitus zu einem guten Gedeihen verhelfen.

Beispiel zwei: Eine kleine Maid steht auf dem Sprungbrett und traut sich nicht zu springen. Hinter ihr stehen jede Menge Jungs, die den ersten Teil des Y-Chromosoms ausspielen und der Perle da vorn mal auf die Sprünge helfen wollen, indem sie das Brett zum Federn bringen. Die Konsequenz: Geräuschfrequenzen in der Vorstufe zum Ultraschall, Knochenmarkserosion und Verwitterung des Trommelfells drohen.

Beispiel drei: Schwimmende Mädchen, tauchende Jungs, Jungseelöwengehabe, ein bekannter Bestandteil des Ypsilon-Chromosoms. Muss ich das jetzt wirklich erklären? Wäre es dunkel, müssten Fledermäuse den einen oder anderen Unfall wegen akustischer Orientierungslosigkeit verkraften.

Auf all das habe ich jetzt auch Einblick aus der Loge der ersten Etage. Live on stage gewissermaßen, meine eigene Reality-Show über die Mauer hinweg. Allerdings bin ich selbst für das Lachen verantwortlich. Im Gegensatz zu mancher Sendung im privaten Werbefernsehen lacht mir niemand den Einsatz an völlig unpassenden Stellen vor.

Ehe nun emanzipierte Doppel-X-Exemplare aufschreien, muss ich noch den zweiten Teil meiner wissenschaftlichen Entdeckungen ergänzen. Denn X oder Y unterschieden sich nur in der Frequenz und Lautbildung. Aus Gründen des Erwachsenenschutzes beschränke ich mich auf ein Beispiel. Ein Junge, etwa zehn Jahre alt, steht auf dem Drei-Meter-Brett und will, dass sein Freund ihm den Ball zuwirft. Unter Anwendung der anerzogenen Freundlichkeit läutet er diesen Vorgang mit dem Satz ein: „Eh, Du Wichser, wirf mal den Ball hoch!“ Kurze Pause. „Mach schon, Du Arsch!“

... und gesehen werden

Was ich wiederum lernen musste, war das Gefühl, dass einen Menschenaffen im Zoo beim Schaulaufen der gaffenden Gestalten auf der anderen Seite beschleichen muss. Denn die Zeit beim Warten am Kiosk konnte man sich ja mit dem Blick auf die Ausstellung jenseits der Mauer vertreiben. „Irre, was machen die denn da auf der Terrasse? Ist nicht möglich, die liegen in der Sonne und genießen das schöne Wetter!“ Der Gorilla auf der Terrasse dachte über eine angemessen blöde Reaktion nach und beschloss, dann doch nur einen Sichtschutz in Form eines Schirms aufzubauen.

Aber insgesamt überwog die Freude an den spielenden und tobenden Kindern. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Es war das vorletzte Jahr. Mit dem letzten Schwimmtag im Jahr 2001 sollte das Freibad in Weisweiler der Vergangenheit angehören.

2002 - 2006 - Friedhofsruhe und Verfall

Es folgten die Jahre der Ruhe auf einer geschlossenen Freizeitanlage und das Verwildern des Geländes mit einem leeren, großen blauen Loch, an dem die Randsteine vom Frost zersprengt wurden. Davor stand ein nutzloses Gerippe, das keine Platscher, kein Gekreische und keine freundlichen Zurufe eines 10-jährigen Jungen mehr heraufbeschwor, und dessen beweglicher Beschleuniger menschlicher Körper längst im Dürwißer Freibad weiter vor sich hinfederte, um die Freude der Springer dort zu erleben.

Ich sah keine Wiese mehr mit bunten Decken und Handtüchern, mit Spielsachen, Bällen und unterschiedlich braunen, roten und weißen Leibern in den verschiedensten passenden und nicht passenden Badehosen, Bikinis und Badeanzügen. Ich sah keine blaue Fläche mehr mit dem besten Schwimmwasser, das ich als Sportler kennen gelernt hatte. Ich sah keine reine Sommerfreude der daheim Gebliebenen mehr.

Im Jahr 2006 lag auf der Wiese eine Baggerschaufel an einer bestimmten Stelle, die für mich mit einer Erinnerung an das Jahr 1987 verbunden war. Genau an dieser Stelle, habe ich mit einer Reihe von Kumpels ein ziemliches Saufgelage veranstaltet. 1983 hatte meine Mutter den Kiosk aufgegeben und Frau Rottmann hatte ihn übernommen. Mittlerweile wurde Bier in Dosen verkauft. Auf der Wiese standen ziemlich große Mülleimer und der uns am nächsten stehende war abends mehr als halb voll mit leeren Bierbüchsen, Dortmunder Kronen, etwas schwierig im Geschmack, aber man muss ja zu Opfern bereit sein. Es soll ja niemand glauben, wir hätten zum Vergnügen gesoffen.

Ich erinnere mich sehr gut daran, als der Verfall eingeleitet wurde. Im Jahr 2002 hatte ich gerade meine Kur beendet, als am folgenden Wochenende die Klausurtagung der SPD-Fraktion zum Haushalt 2002 stattfand.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber die Fraktion wendete sich ab und beschloss die Schließung der Bäder zur Sommersaison. Vorausgegangen war im Januar eine Ratssitzung, in der eine Vertreterin des Gesundheitsamts begründete, weshalb die Bäder im Zusammenhang mit einer festgestellten PB-Belastung geschlossen werden sollten. Es ging in dieser Diskussion um eine sofortige Schließung oder um eine Überbrückung bis zur Eröffnung des Freibades, um dann in Ruhe eine Entscheidung zu fällen. In dieser Ratssitzung stellte ein Fraktionsmitglied die Frage, ob die Vertreterin des Gesundheitsamts ruhigen Gewissens ihre eigenen Kinder im Hallenbad Weisweiler schwimmen ließe.

Zunächst dachte ich, dass dies bereits die Frage für den Todesstoß sei. Aber ich wurde zweimal kurz hintereinander überrascht. Zunächst dadurch, dass die Frage positiv beantwortet wurde: Ja, das könnte sie! und zum zweiten dadurch, dass mein Fraktionsmitglied trotz dieser Aussage der sofortigen Schließung zustimmte. Das Hallenbad blieb in einer bemerkenswerten Abstimmung dennoch bis Mai geöffnet, da große Teile beider Fraktionen der großen Koalition eine sofortige Schließung ablehnten.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, es ginge allein um eine gesundheitliche Frage. Aber bereits da war es eine politische Frage, in der das Überleben des Freibades Dürwiß vorbereitet wurde. Daran ist nichts Verwerfliches, allerdings hatte ich genau diese Frage in der Haushaltsdebatte angesprochen und sie wurde wie selbstverständlich nicht aufgegriffen.

Freibadgeschichten

Das Sommerleben einer Wasserratte

D
A
S

F
R
E
I
B
A
D

2000 - Beatlemania in Hochfrequenz

Hören und Sehen ....

Seit meinem sechsten Lebensjahr war ich an die tollsten Geräusche gewöhnt. In diesem Jahr unterzogen sich diese langjährigen Erfahrungen einer Neuerung. Ich baute meine Wohnung aus und errichtete in der ersten Etage einen Wintergarten mit Terrasse, was mich die Geräusche nicht nur hören, sondern deren Verursacher live und in Farbe sehen ließ. Ich wuchs quasi über die Freibadmauer hinaus. Einige dieser Geräusche ließen das Blut in den Adern gefrieren, andere trieben eher die Schamesröte ins Gesicht.

Zunächst das Geräusch der Marke Beatlemania: Kreischende Mädchen. Das ist definitiv genetisch bedingt! Ich habe hierfür eine wissenschaftlich fundierte Erklärung: Das zweite X-Chromosom! Das Stück, das da unten zum Y-Chromosom zu viel ist, enthält die genetische Voraussetzung für die fehlende Kontrolle über die Stimmbänder in bestimmten Situationen und ab einer bestimmten Frequenz. Meine wissenschaftlichen Untersuchungen sind eng mit dem Freibad verbunden und beruhen auf empirisch belegten Erhebungen.

Beispiel eins: Mädchen im Planschbecken, spielend. Jemand spritzt mit Wasser. Die Konsequenz sind Schallwellen aus der Kinderkehle, die jedem Tinnitus zu einem guten Gedeihen verhelfen.

Beispiel zwei: Eine kleine Maid steht auf dem Sprungbrett und traut sich nicht zu springen. Hinter ihr stehen jede Menge Jungs, die den ersten Teil des Y-Chromosoms ausspielen und der Perle da vorn mal auf die Sprünge helfen wollen, indem sie das Brett zum Federn bringen. Die Konsequenz: Geräuschfrequenzen in der Vorstufe zum Ultraschall, Knochenmarkserosion und Verwitterung des Trommelfells drohen.

Beispiel drei: Schwimmende Mädchen, tauchende Jungs, Jungseelöwengehabe, ein bekannter Bestandteil des Ypsilon-Chromosoms. Muss ich das jetzt wirklich erklären? Wäre es dunkel, müssten Fledermäuse den einen oder anderen Unfall wegen akustischer Orientierungslosigkeit verkraften.

Auf all das habe ich jetzt auch Einblick aus der Loge der ersten Etage. Live on stage gewissermaßen, meine eigene Reality-Show über die Mauer hinweg. Allerdings bin ich selbst für das Lachen verantwortlich. Im Gegensatz zu mancher Sendung im privaten Werbefernsehen lacht mir niemand den Einsatz an völlig unpassenden Stellen vor.

Ehe nun emanzipierte Doppel-X-Exemplare aufschreien, muss ich noch den zweiten Teil meiner wissenschaftlichen Entdeckungen ergänzen. Denn X oder Y unterschieden sich nur in der Frequenz und Lautbildung. Aus Gründen des Erwachsenenschutzes beschränke ich mich auf ein Beispiel. Ein Junge, etwa zehn Jahre alt, steht auf dem Drei-Meter-Brett und will, dass sein Freund ihm den Ball zuwirft. Unter Anwendung der anerzogenen Freundlichkeit läutet er diesen Vorgang mit dem Satz ein: „Eh, Du Wichser, wirf mal den Ball hoch!“ Kurze Pause. „Mach schon, Du Arsch!“

... und gesehen werden

Was ich wiederum lernen musste, war das Gefühl, dass einen Menschenaffen im Zoo beim Schaulaufen der gaffenden Gestalten auf der anderen Seite beschleichen muss. Denn die Zeit beim Warten am Kiosk konnte man sich ja mit dem Blick auf die Ausstellung jenseits der Mauer vertreiben. „Irre, was machen die denn da auf der Terrasse? Ist nicht möglich, die liegen in der Sonne und genießen das schöne Wetter!“ Der Gorilla auf der Terrasse dachte über eine angemessen blöde Reaktion nach und beschloss, dann doch nur einen Sichtschutz in Form eines Schirms aufzubauen.

Aber insgesamt überwog die Freude an den spielenden und tobenden Kindern. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Es war das vorletzte Jahr. Mit dem letzten Schwimmtag im Jahr 2001 sollte das Freibad in Weisweiler der Vergangenheit angehören.

2002 - 2006 - Friedhofsruhe und Verfall

Es folgten die Jahre der Ruhe auf einer geschlossenen Freizeitanlage und das Verwildern des Geländes mit einem leeren, großen blauen Loch, an dem die Randsteine vom Frost zersprengt wurden. Davor stand ein nutzloses Gerippe, das keine Platscher, kein Gekreische und keine freundlichen Zurufe eines 10-jährigen Jungen mehr heraufbeschwor, und dessen beweglicher Beschleuniger menschlicher Körper längst im Dürwißer Freibad weiter vor sich hinfederte, um die Freude der Springer dort zu erleben.

Ich sah keine Wiese mehr mit bunten Decken und Handtüchern, mit Spielsachen, Bällen und unterschiedlich braunen, roten und weißen Leibern in den verschiedensten passenden und nicht passenden Badehosen, Bikinis und Badeanzügen. Ich sah keine blaue Fläche mehr mit dem besten Schwimmwasser, das ich als Sportler kennen gelernt hatte. Ich sah keine reine Sommerfreude der daheim Gebliebenen mehr.

Im Jahr 2006 lag auf der Wiese eine Baggerschaufel an einer bestimmten Stelle, die für mich mit einer Erinnerung an das Jahr 1987 verbunden war. Genau an dieser Stelle, habe ich mit einer Reihe von Kumpels ein ziemliches Saufgelage veranstaltet. 1983 hatte meine Mutter den Kiosk aufgegeben und Frau Rottmann hatte ihn übernommen. Mittlerweile wurde Bier in Dosen verkauft. Auf der Wiese standen ziemlich große Mülleimer und der uns am nächsten stehende war abends mehr als halb voll mit leeren Bierbüchsen, Dortmunder Kronen, etwas schwierig im Geschmack, aber man muss ja zu Opfern bereit sein. Es soll ja niemand glauben, wir hätten zum Vergnügen gesoffen.

Ich erinnere mich sehr gut daran, als der Verfall eingeleitet wurde. Im Jahr 2002 hatte ich gerade meine Kur beendet, als am folgenden Wochenende die Klausurtagung der SPD-Fraktion zum Haushalt 2002 stattfand.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber die Fraktion wendete sich ab und beschloss die Schließung der Bäder zur Sommersaison. Vorausgegangen war im Januar eine Ratssitzung, in der eine Vertreterin des Gesundheitsamts begründete, weshalb die Bäder im Zusammenhang mit einer festgestellten PB-Belastung geschlossen werden sollten. Es ging in dieser Diskussion um eine sofortige Schließung oder um eine Überbrückung bis zur Eröffnung des Freibades, um dann in Ruhe eine Entscheidung zu fällen. In dieser Ratssitzung stellte ein Fraktionsmitglied die Frage, ob die Vertreterin des Gesundheitsamts ruhigen Gewissens ihre eigenen Kinder im Hallenbad Weisweiler schwimmen ließe.

Zunächst dachte ich, dass dies bereits die Frage für den Todesstoß sei. Aber ich wurde zweimal kurz hintereinander überrascht. Zunächst dadurch, dass die Frage positiv beantwortet wurde: Ja, das könnte sie! und zum zweiten dadurch, dass mein Fraktionsmitglied trotz dieser Aussage der sofortigen Schließung zustimmte. Das Hallenbad blieb in einer bemerkenswerten Abstimmung dennoch bis Mai geöffnet, da große Teile beider Fraktionen der großen Koalition eine sofortige Schließung ablehnten.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, es ginge allein um eine gesundheitliche Frage. Aber bereits da war es eine politische Frage, in der das Überleben des Freibades Dürwiß vorbereitet wurde. Daran ist nichts Verwerfliches, allerdings hatte ich genau diese Frage in der Haushaltsdebatte angesprochen und sie wurde wie selbstverständlich nicht aufgegriffen.