Das Sommerleben einer Wasserratte

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Winter 2007 - Intermezzo

Das Jahr scheint in tristem Grau zu enden. Weiße Weihnacht, der Wintertraum in jedem Jahr, war in den letzten Jahrzehnten sowieso eine Seltenheit und sollte wohl auch dieses Jahr nicht wahr werden.

Doch dann hatte der Wettergott zumindest ein kurzes Einsehen und zuckerte am Wochenende vor Weihnachten eine Winterlandschaft auf die ehemalige Freibadwiese, die in ihrer atemberaubenden Schönheit kaum zu überbieten war. Die Bäume trugen ein Kleid aus Raureif und hatten sich zumindest für diesen Freitag festlich gekleidet. Die gemähten Senfpflanzen schlossen sich an und rollten hierzu den weißen Teppich aus, um die gesamte Landschaft in einen wunderschönen Wintertraum zu verwandeln. Das einzig Störende war ausgerechnet der letzte Rest des Freibades, der zum gegenüberliegenden Grundstück als Gartenmauer sein unfertiges Dasein fristete.

Der Winter war früher immer die Zeit gewesen, in der das alte Freibadgelände einen trostlosen Anblick bot. Vor dem Becken stand ein leeres und bedeutungsloses Gerippe, dass ohne seinen wippenden Teil versuchte, möglichst teilnahmslos den Winter zu überstehen.

Eine dreckige unansehnliche Brühe gaffte den Betrachter aus einem großen finsteren Loch an und weckte die Sehnsucht nach dem kommenden Frühling mit Blumen, frischem Grün, glasklarem, blauem Wasser und den vielen Menschen, dem Kinderlachen und den vielfältigen, durch das Wasser verursachten Geräuschen. Ach, war das immer eine Freude, wenn die ersten Arbeiten im Frühjahr begannen!

Der Abriss dieser alten und gewohnten Umgebung war im Sommer 2006 erfolgt. Natürlich blieb auch die große Mauer nicht verschont, die viele Jahre unsere Straße abschloss und nur ein Abbiegen nach links oder rechts erlaubte, damit die Attraktionen auf der anderen Seite in den Sommermonaten vielen Generationen von Kindern erfrischenden Sommerspaß bieten konnten.

2008 - Der Wandel beginnt

Es ist Januar, Winterferien, das Wetter etwas trübe und am Ende der großen Grünfläche, die einmal das Schwimmbecken trug, steht ein VW-Bully, der aufgrund der diversen, am Rand des Grundstückes aufgebauten Geräte schnell als Fahrzeug von Vermessungstechnikern zu erkennen ist. Irgendwie war der gesamte Bebauungsplan an mir vorbeigegangen. Es war mir nur noch bekannt, dass eine Änderung der Straßenführung vorgesehen war. Darauf sprach ich die Herren im Fahrzeug an und erhielt die lapidare Antwort: „Am Montag rücken die Bagger an.“

Das bedeutete also: Das letzte Wochenende mit der Übergangsgrünfläche, der Beginn von Bauarbeiten und damit der Start in etwas Neues.

Alle Aufbauten waren bereits seit zwei Jahren verschwunden, und bis März wurde eine neue Straße gebaut. Nun, im Mai, entstand das erste Haus. In einer Nachbarschaft, die in fast fünfundvierzig Jahren kaum Veränderungen erfahren hatte, waren die Kinder zu Eltern und Großeltern, die Eltern wiederum zu Groß- und Urgroßeltern geworden.

Die traurige Komponente dieser allzu natürlichen Entwicklung besteht darin, dass ein neuer Gast Einzug in die Nachbarschaft gehalten hat, der vollkommen ungebeten sein Unwesen treibt: Der Sensenmann. Das Sackgesicht holt in regelmäßigen Abständen einen alten Bekannten und Nachbarn ab.

Allerdings gibt es auch die berühmte Ausnahme. Bei meinen Nachbarn Birgit und Jürgen, aus dem Haus gegenüber ist vor zweieinhalb Jahren der Klapperstorch gelandet. Jana heißt der kurze Nachwuchs mit strohblonden Haaren, einem fröhlichen und verschmitzten Gesichtsausdruck, der kurz oberhalb einer lustig anzusehenden breiten Plusterhose beginnt. Seit diesem Jahr trägt auch sie dazu bei, dass es etwas lauter geworden ist Im Eichelkamp.

Wie zur Ergänzung wächst nun auch noch gegenüber Stein auf Stein, denn die Attraktion ist eigentlich nicht das wachsende Haus, sondern der doppelte Kinderwagen, der da schon recht früh nach Baubeginn zum ersten Mal ordnungsgemäß eingeparkt wird. Wie sich nach ersten Unterhaltungen mit den jungen Eltern herausstellt, gibt es da nicht nur die Zwillinge im Baby-Express sondern auch noch ein Mädchen von acht Jahren. Die passt vom Alter her wiederum zu dem Kurzen von Willi, dem Nachbarn aus der Parallelstraße „Auf dem Driesch“. Der hat das Haus gekauft, nachdem das bereits erwähnte Sackgesicht das vorher in diesem Haus wohnende Ehepaar mitgenommen hatte.

2006 - Kinderfreuden

Wir hatten einen wunderschönen Sommer, es war Fußballweltmeisterschaft, die Spritpreise spielten zwar eine Rolle, aber nicht wirklich. Denn durchschnittlich zwei schwarz-rot-goldene Fahnen pro Auto mussten sein! Deutschland war herrlich national besoffen, Klose schoss Tore, es war irgendwie ein überwältigendes Ereignis - und ich wurde ganz banal in meine Jugend zurückversetzt, als ich von der Arbeit kommend in meine Straße einbog.

Willi, der bereits erwähnte Nachbar aus der Parallelstraße, dessen Garten an unsere Straße grenzt, hatte schon im Jahr zuvor einen Basketballkorb in seinem Garten aufgestellt, damit seine Kinder auf der Wiese spielen konnten. Nun war er einfach auf die Idee gekommen und hatte diesen umgedreht, sodass er der Straße zugewandt war.

Wahnsinn, Kinder spielten auf der Straße und jagten dem Ball unter dem Korb am Gartenzaun hinterher. Sechs oder sieben spielende Kinder! Das war selten geworden in unserer Straße.

Damals, in meiner Kindheit, endete sie an der besagten großen Mauer. Die war Klasse zum Fußballspielen. Der Ball wurde wieder und immer wieder dagegen gehämmert. Kinder freuen sich bei solchem Krach. Rums Rums Rums. Anlauf, volle Lotte, rums. Wen störte denn so was?

Klar! Irgendwo lauert zumindest ein Erwachsener! Unsere Haustür öffnete sich. Meine Mutter hatte da gerade mal gerne ein Problem. Ende der Freude. Schade, der Ball musste nun leider wieder ganz normal hin und her geschossen werden. Aber wie ging es weiter, wenn man allein spielte? Not macht erfinderisch! Es blieben immer noch die Garagen gegenüber. Die waren weiter weg, hatten aber einen tollen Resonanzboden, wenn man dort den Ball in die Garage hinein und gegen die Wand knallte. Für Muttern bedeutete das erneutes Eingreifen oder Kapitulation. Der Standardsatz zu diesen Ereignissen: „Du maachst mich de Nerve kapott!“

Die ehemalige Freibadwiese am 21. Dezember 2007

Auf dem Bild rechts sieht man links die im Text beschriebene Mauer, den Überrest des alten Freibades.