Das Sommerleben einer Wasserratte

D
A
S

F
R
E
I
B
A
D

1973 - Die Freibadsaison beginnt

Hinter der vorhin erwähnten großen Mauer befand sich unser Freibad. Im Talkessel zwischen Hücheln und der Kippe landschaftlich wunderschön gelegen und der Ort meiner Sommererlebnisse in meiner Jugend.

Ein großer Augenblick war immer das Einlassen des Wassers. Langsam aber sicher füllte sich das Becken und wurde zunächst grün, da unser Leitungswasser nicht so klar ist, wie man meinen mag. Das dauerte bei 1.500 m³ Füllmenge immer einen ganzen Tag und hatte die Nebenwirkung, dass wir zu Hause in dieser Zeit kaum Druck auf der Wasserleitung hatten. Toilettenbesuche konnten durchaus nervenaufreibend werden.

Einmal gefüllt, war das Becken innerhalb von 24 Stunden klar wie Karibikwasser und die Temperatur stieg fortan pro Tag um etwa 1 - 2°, bis die erwünschten 24° erreicht waren. Somit rückte der Eröffnungstag näher.

Eines war mir in dieser Jahreszeit immer ganz wichtig: Ich musste alljährlich die Schwimmsaison eröffnen. Manchmal gab es bei den Bestrebungen, der Erste zu sein, Konkurrenz durch die Kinder der Mitarbeiter. Aufmerksamkeit und Risikobereitschaft waren angesagt. Dann kam es vor, dass auch Wassertemperaturen, die den Unterschied zwischen Junge und Mädchen auf ein verschwindendes Minimum schrumpfen ließen, zu ertragen waren.

Normalerweise traute ich mich ab etwa 18-20 Grad Wassertemperatur in die frischen Fluten. Meistens schaffte ich es auch, der Erste zu sein. In diesem Jahr hatte sich allerdings noch keine Gelegenheit geboten.

Schließlich kam unser Trainer bei den Wasserfreunden Weisweiler auf die Idee, das Training bereits vor der Eröffnung in das Freibad zu verlegen. Die gesamte Wettkampfmannschaft also rüber ins Freibad. Panik, mein Vorrecht war gefährdet!

Im Eifer des Gefechts kann man solch wichtige Dinge aber auch schon mal aus den Augen verlieren. Mein Freund Jürgen stand auf der Startbrücke und ich konnte es mir in all meiner Hinterlist nicht verkneifen, ihm einen heftigen Schubs zu geben. Es klatschte, Jürgen tauchte unter, kam hoch und so ziemlich das erste, was er sagte, war: „Damit bin ich dieses Jahr der Erste!“ So ein ........

1963 - 1964 - Alles will gelernt werden

Zum einen Schwimmen ...

Nun hat der hoffnungsvolle Sportler das Element Wasser nicht immer beherrscht. Auch das wollte irgendwann mal gelernt werden. Es begann im Sommer 1964, wir hatten gerade unser neues Haus auf der anderen Seite der großen Mauer bezogen, ich war nach den Osterferien eingeschult worden und einen ganzen Sommer nur im Freibad, denn dort steppte bei all den Kindern der Bär.

Es waren neue Freunde in mein Leben getreten. Kurt und Lothar, die Söhne des Vorarbeiters der damals noch selbstständige Gemeinde Weisweiler und seit einigen Wochen meine Nachbarn. Ihre maßgebliche Aufgabe während des Bauens hatte darin bestanden, mir Wisswiele Platt beizubringen. Sie waren äußerst erfolgreich, denn am ersten Schultag in der Evangelischen Volksschule fragte ich mich zu allererst, welche Sprache ich denn nun am besten mit der Lehrerin sprechen sollte, Platt oder Huchdütsch? Nach intensiven Untersuchungen der Lage kam ich zu einem eindeutigen Ergebnis: Hochdeutsch, so jot et jeng.

Aber zurück zum Schwimmen. Zuerst bewegte ich mich nur im Nichtschwimmerbecken und wunderte mich dann eines Tages, dass ich bei meinen verzweifelten Versuchen nicht unterzugehen, plötzlich tatsächlich oben blieb. Also kam der nächste Schritt. Das musste ich auch mal im tiefen Wasser versuchen. Immer schön an der Wand lang, ganz vorsichtig. Klappte ganz gut, aber ich war ein kleiner Schisser und traute mich nicht wirklich in das große Becken hinein. Lothar war da schon einen Schritt weiter, aber der war ja auch ein Jahr älter als ich. Ausrede gefunden.

Dem obersten Schwimmexperten in Person meines Vaters blieb das nicht verborgen. An einem etwas ruhigeren Tag mit wenig Betrieb stand ich mit ihm am Beckenrand, bekleidet mit meinem Sonntagsanzug, der Schwimmhose, als der Herr Schwimmmeister mich aufforderte, mal quer durch das Becken zu schwimmen. Meine ablehnende Antwort wurde gekontert mit dem Griff zweier übermächtiger Hände unter meine Achseln. Es folgte ein wenig eleganter Abflug in die Mitte des Beckens mit anschließendem Eintauchen. Ehe ich richtig kapiert hatte, was mir da passiert war, tauchte ich schon wieder auf und fluchte wie ein Rohrspatz. Dies wiederum kommentierte mein Vater mit dem hoch pädagogischen Schrei: „Nu schwimm!“ Sehr wertvoller Hinweis, was blieb mir auch anderes übrig?

... zum anderen Springen

Die Hürde war also unfreiwillig genommen. Das Wasser begann, mein Element zu werden; nun musste ich es auch aus der Luft erobern. Das Ein-Meter-Brett war schnell bewältigt, aber das Drei-Meter-Brett blieb eine unüberwindliche Herausforderung. Da sind sie wieder, die Aussagen von eben. Ich war ein kleiner Schisser und Lothar konnte das schon. Aber der war ja schließlich ein Jahr älter.

Unter Aufbringen aller Überwindungskraft begab ich mich dann eines schönen Tages auf das Drei-Meter-Brett und tat auch den entscheidenden letzten Schritt. Der Sprung hätte jedem Mädchen gut zu Gesicht gestanden, denn Mädchen sprangen immer breitbeinig, damit der Kopf möglichst nicht unter Wasser ging. Für mich war das allerdings eine weniger erquickliche und recht schmerzhafte Erfahrung in der jugendlichen Familienplanung. Ich wiederholte diese Schmerzbehandlung mehrmals, bis wiederum mein Erzeuger mich darauf hinwies, ich sollte es doch einmal mit geschlossenen Beinen versuchen.

Jetzt konnte ich also auch das. Aber Lothar machte schon einen Kopfsprung. Wie war das noch? Schisser, ein Jahr älter, usw. Nun kam der Bruder Kurt ins Spiel. Fünf Jahre alt und immer einen Schritt schneller, ein kleiner Draufgänger. Im Schwimmbad fror der kleine Bursche eigentlich ständig und zeigte dies, indem er seine Hände zwischen die Oberschenkel seiner leicht in den Knien gebeugten Beine steckte. Es möge niemand glauben, diese kleine Nebensächlichkeit mit blauen Lippen und zitternden Händen hätte ihn zu einer Pause zwingen können.

Die schwimmerische Entwicklung dieses wandelnden Termometers war etwa so: seit morgens konnte er zum Teil über, zum Teil unter Wasser mehrere Meter überwinden. Das reichte zunächst für das Ein-Meter-Brett. Abends ging er zum ersten Mal auf das Drei-Meter-Brett, stellte sich kurz in seine Zitterpose, sprang und paddelte an den Beckenrand. Dort angekommen, wendete er seinen entschlossenen Schritt erneut dem Sprungturm zu, kletterte wieder nach oben, Hände in die beschriebene Position, kurze Überlegung und ..... er machte einen Kopfsprung!

Jetzt hatte ich ein Problem. Das ging doch nicht! Der war zwei Jahre jünger und brachte mein Weltbild ins Wanken. Der musste doch erst noch zwei Jahre wachsen! Also pack den Schisser ein, dass kannst Du Dir nicht bieten lassen.. Am nächsten Abend konnte ich das auch, allerdings mit der Hilfe meines Vaters.

Der kletterte mit nach oben, hob mich an den Fußgelenken hoch, hielt mich kopfüber fest, ich nahm den Kopf zwischen die Arme und sank in die Fluten. Beim dritten Mal ging das dann auch ohne Hilfe und am nächsten Morgen war große Vorführung für die Öffentlichkeit. Allerdings hatte sich von diesem Zeitpunkt an der Schmerz beim Eintauchen nach oben verlagert.

Anfang der siebziger Jahre

Der schönste Zeitvertreib für Wasserratten

Ein Jugendlicher im Alter von vierzehn Jahren hatte neben der furchtbar lästigen Schule auch noch etwas anderes zu erledigen: Er betrieb Sport und tat dies sehr erfolgreich als Schwimmer. Jede freie Minute verbrachte ich im Schwimmbad, Sommer wie Winter. Im Sommer natürlich im Freibad, denn dort konnte man sich so richtig schön die Haut gerben und mit der Schwimmerfigur protzen. Die Schwimmhosen waren in den letzten Jahren nicht mit gewachsen, die blieben bei der kleinsten Größe, um den Anblick des durch Training gestählten Körpers mit der gebräunten Haut nur unwesentlich zu unterbrechen.

Tag für Tag traf ich mich dort mit meinen Freunden aus der Wettkampfmannschaft, mit denen ich auch abends trainierte. Größtes Vergnügen über Tag, das zu Stunden langen Aufenthalten im Schwimmbecken führte, war das gemeinsame Nachlaufen. Sorry, das muss ich erklären, Nachlaufen und Wasser, das geht eigentlich nur, wenn man weiß, wo die Pfähle stehen.

Man nehme: Zirka zehn Jugendliche, zehn äußerst knappe Schwimmhosen, ein gefülltes Schwimmbecken und ein Drei-Meter-Brett. Man subtrahiere von der jeweiligen Anzahl der Beteiligten die Zahl eins. Man könnte auch sagen, dass diese eine Person sich von den anderen niveaumäßig um drei Meter unterschied.

Also stand die ganze Meute auf dem Sprungbrett und der Einzelne vor der Leiter. Die Spielregeln: Der Fänger (unten vor der Leiter) musste wie beim ganz normalen Nachlaufen einen anderen fangen. Es gab aber nur eine Richtung: Zunächst hoch auf das Brett und dann wieder runter ins Wasser. Verboten war es, das Geländer anzufassen, zum Schein hochzusteigen und dann zurückzugehen, um die springende Meute von unten zu überraschen. Hatte der Fänger einmal das Geländer angefasst, musste er hoch.

Die Situation: Die Meute auf dem Brett, der Fänger unten. Dieser fingierte das Anfassen des Geländers durch nervöse Handbewegungen in der Hoffnung, dass einer dort oben die Nerven verlieren könnte. Das hätte die Möglichkeit eröffnet, locker zum Beckenrand zu wackeln, ins Wasser zu springen und den Unglücklichen zum Bodenniveau zu verdammen. Das war zu einfach und deshalb per Gesetz verboten. Also musste er gen Berge steigen.

Die Meute oben war wohl organisiert, um in Sekundenbruchteilen die Wirkung der Schwerkraft zum Niveauausgleich zu nutzen. Der Letzte hatte die Kommandogewalt, die da lautete: „Anjepack!“ Erschallte dieser Lockruf der Nässe, stürzte sich die Meute ins Wasser, rettete sich an den Beckenrand, verließ die kühlende Frische auf dem schnellsten Weg, rannte zurück zum Drei-Meter-Brett und kletterte wieder hinauf. Der Fänger seinerseits eilte hoch auf das Brett, den Flüchtenden hinterher, Im günstigsten Fall erwischte er einen der wasserfreudigen Springmäuse und das Spiel ging mit neuer Rollenverteilung weiter. Noch Fragen?

Mädchen in fremder Bademode

Die Weisweiler Bäder entwickelten schnell eine gewisse Anziehungskraft, da sie durch ihre optimalen Trainingsbedingungen für die Wasserfreunde überzeugten. Immer wieder wechselten gute Schwimmer nach Weisweiler. Ein kleines Hallenbad mit vier Bahnen machte es möglich, dass der Dorfverein Wasserfreunde Weisweiler in den siebziger Jahren zu den erfolgreichsten Schwimmvereinen Deutschlands zählte. Diese Entwicklung begann schon Anfang der siebziger Jahre und bis 1974 durfte ich durch eigene Erfolge mitwirken.

Irgendwann in dieser Zeit fand im Freibad Weisweiler ein von den Wasserfreunden veranstalteter Wettkampf statt. Auch ich startete dort und musste zu einen Wettkampf auf der Bahn vier oder fünf starten. Der Wettkampf selbst ist mir nicht so in Erinnerung geblieben. Aber eine kleine Szene, die in den Beginn dieser erfolgreichen Zeit fiel, hat sich in mein Gedächtnis eingegraben.

Nachdem ich meine Schwimmstrecke absolviert hatte, standen die Schwimmerinnen für den nächsten Start bereits auf der Startbrücke. Moment! Schwimmerinnen? Über mir stand ein Kind in Badehose und sollte jetzt schwimmen? Bei den Mädchen? Kurze Überprüfung der Situation: Das Wesen war zwar recht burschikos, zeigte aber ganz eindeutig, dass sie zum weiblichen Geschlecht gehörte. Denn sie wurde aufgerufen mit dem Namen Heike und bei genauerem Hinschauen war das auch eindeutig zu erkennen. Locker gewann sie in ihrem Jahrgang und sollte ganz schnell große Erfolge feiern.

Dieses Mädchen in fremder Bademode war dann maßgeblich am Aufstieg der Wasserfreunde beteiligt. Sie war bereits 1974 Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, wurde mehrfache deutsche Meisterin, nahm 1976 an den Olympischen Spielen in Montreal teil, stellte mehrere deutsche Rekorde auf und gewann 1977 bei den Europameisterschaften mit der Lagenstaffel die Bronzemedaille. Erstaunlich, welche Basis mit Badehosen gelegt werden kann.

Der erfolgreichste Schwimmer in dieser Mannschaft war übrigens der von mir so unsanft ins Wasser gestürzte Jürgen: Deutscher Jahrgangsmeister, Mitglied der Nationalmannschaft, Teilnehmer an internationalen Wettkämpfen. Die Wasserfreunde waren in dieser Zeit richtig gut und einmal bei den Deutschen Meisterschaften sogar die erfolgreichste Mannschaft.

1972 - Zum ersten Mal verliebt

Das Schwimmbad als Mittelpunkt der Kindheit und beginnenden Jugend stand im Jahr 1972 erst spät zur Verfügung. Die ehemalige Gemeinde Weisweiler war am 01.01. des Jahres in die Stadt Eschweiler eingemeindet worden und hatte zuvor noch ein Problem gelöst, das man so beschreiben könnte: Keine Mark den Besatzern. Also wurde das übervolle Gemeindesäckel restlos geplündert. Unter anderem wurde das Freibad umgebaut mit der Folge, dass es erst im August geöffnet werden konnte.

Also konnte im Jahr 1972 die gesamte Truppe mit Mattes, Lacko, Wolli, Lothar, Harry, Jürgen, Manfred und all den anderen erst später an den Start gehen und das Drei-Meter-Brett bevölkern. Macht nix. Jugendliche kennen kein Zeitproblem. Ich erinnere mich nach gut daran, dass ich jeden Tag nach der Schule zunächst ins Freibad ging, um zu sehen, wie weit die Arbeiten gediehen waren. Ich machte mir meinen eigenen Zeitplan, wann ich denn mit der Eröffnung rechnen konnte. Dass die Verzögerung auch eine Verkürzung der Freibadsaison zur Folge hatte, spielte keine Rolle. Schließlich kam der große Tag.

Verlängerte Öffnungszeiten und das seit 1969 verfügbare Hallenbad hatten auch noch eine andere Folge: Es wurde Personal gebraucht, das in den Sommermonaten half.

Da war der Herr Kleeh, ein lebenslustiger immer fröhlicher Mann, Sanitäter von Beruf mit Stolberger Dialekt und einer kräftigen Portion Humor. So hatte er sich beispielsweise einen neuen Ford Taunus gekauft und offensichtlich eine Montagsproduktion erwischt. In diesem neuen Wagen gab es die tollsten Geräusche, deren Ursprung in der Werkstatt offensichtlich nicht ausfindig zu machen waren, da nach mehreren Besuchen allerhöchstens eine Veränderung der Klangqualität eintrat. Also schrieb er einen Brief an die Fordwerke in Köln, in dem er seinem Unmut freien Lauf ließ.

Unter anderem merkte er an, der Wagen sei viel zu teuer gewesen, da diverse Ausstattungsgegenstände vollkommen überflüssig seien. Ob der vielen Geräusche, die der Wagen produzierte, hätte man die Hupe zum Beispiel locker einsparen können, da man ihn ohnehin schon in einer Entfernung von mehreren hundert Metern hören konnte. Was soll ich sagen? Nach diesem Brief erhielt er ein neues Auto!

Es gab auch den Herrn Klemm, Mitarbeiter der Firma Philipps. Dort arbeitete er in der Entwicklung und ging mit Notizblock und Kugelschreiber zu Bett, da er nachts die besten Einfälle hatte. Nach eigener Aussage hatte ihm das mehrere Patente eingebracht.

Beide hatten einige Dinge gemeinsam: Erstens arbeiteten beide im Sommer auf der zweiten Steuerkarte im Schwimmbad, zweitens hatten beide makante Rundungen im Bereich des Nabels und drittens einen ziemlich breiten Scheitel.

Allerdings waren die Unterschiede bedeutender. Der zweite Herr war eher ein ernster Zeitgenosse und kam aus Aachen, was ja in unseren Längengraden einen gewissen Nachgeschmack hinterlässt. Er war ein alleinerziehender Vater zweier Töchter und die beiden brachte er mit zum Schwimmbad. Eine der beiden war vierzehn Jahre alt, blond, äußerst hübsch, hatte eine tolle Figur und hieß Ariane. Was soll ich sagen? Steppenbrand auf der Freibadwiese! Der junge Mann hatte Feuer gefangen, war verknallt bis über beide Ohren und hatte nicht viel Zeit, da der Sommer sehr kurz war......

Rechte und Pflichten

Anderer Tag, schönes Wetter, Thomas spielte auf der Wiese. Plötzlich dröhnte eine laute Stimme durch den Lautsprecher: „Thomas Stevens bitte zum Schwimmmeisterraum!“ Der erste Gedanke war: „IWas habe ich denn jetzt angestellt angestellt.“ Es folgte eine Frage: „Was denn bloß?“ Die unsichere Antwort: „Nichts, klar, du doch nicht!“ Trotzdem: Schlechtes Gewissen, denn man weiß ja nie!

Und dann der Spießrutenlauf quer über die Wiese. Alle Leute wussten, der hat was angestellt und schauten mich wissend an: „Der hat tierisch was auf dem Kerbholz.“ Die Folge: Roter Kopf, Bombe, peinlich. Jetzt unter der Grasnarbe kriechen können, das wäre die Rettung gewesen. So ähnlich muss man sich fühlen, wenn man zum Schafott geführt wird.

Am Schwimmmeisterraum angekommen, erhalte ich die unerwartete Nachricht: „Du musst mal zu Mutti in den Kiosk.“ 19 Jahre hat meine Mutter den Kiosk betrieben. 19 Jahre habe ich dort geholfen, wenn der Betrieb gut war, zusammen mit meinen Geschwistern, insbesondere meiner ältesten Schwester Waltraud, und mit Gerlinde und Günter. Das ging dann so: Waltraud steht zum Bedienen am Fenster links, Thomas rechts. Gerlinde und meine Mutter in der Küche, Günter sorgt für Nachschub in den Kühl- und Gefriertruhen. Regelmäßig machte ich mir in dieser Situation denselben Gag, mit dem ich es immer schaffte, meine Mutter und Gerlinde auf die Palme zu bringen.

Aber zunächst muss ich beschreiben, wie das Geschäft ablief: Meine Schwester und ich bedienten. Bestellungen zu Würstchen, Suppe, belegte Brötchen, Kaffee oder Kuchen und anderen Sattmachern riefen wir nach hinten, das Bestellte wurde zubereitet, nach vorne gegeben und von uns verkauft. Meistens dauerte das von der Bestellung bis zur Übergabe eine Minute oder zwei. Zwischenzeitlich konnte ich dann den nächsten Kunden bedienen. Hatte ich nun drei, vier oder fünf Kunden hintereinander, deren Bestellung aus der Küche erledigt werden musste, rief ich diese in Abständen von wenigen Sekunden nach hinten. Spätestens beim dritten hatte ich schon dicke Backen, weil ich genau wusste, was kam: Muttern wurde ob der vielen Kunden, die mit Auftrag drohten, böse, da es unmöglich war, das alles auf die Reihe zu kriegen. Schwesterchen warf ja auch noch eine Bestellung ein. Und das machte immer wieder Spaß, denn Muttern reagierte immer gleich. Der Pressluftatmosphäre in der Küche begegnete ich dann mit einem befreienden Lachen. Interessanz war in dieser Situation immer die Reaktion der Kunden, die zum überwiegenden Teil den Gag verstanden und sich mit mir amüsierten.

An diese Stelle passt dann auch eine kleine Geschichte, die sich in der Milchbar des Hallenbades abspielte und das krasse Gegenteil zu dem im Allgemeinen freundlichen Verhalten widerspiegelt. Sie zeigt die Arroganz mit der Erwachsene manchmal auf Jugendliche zugehen und wie ein so überheblicher Erwachsener dann auch noch nicht in der Lage ist, einen Fehler einzugestehen.

Ein Unfall im Jahr 1974 hatte meine Schwimmerfolge beendet und führte zum Verlust der Bewegungsfähigkeit des linken Armes. Zunächst trug ich diesen gelähmten Arm in Dreieckstüchern, später habe ich sie der Einfachheit halber und auch aus für einen Jugendlichen nachvollziehbaren Empfindungen in der Hosentasche getragen.

Aber trotzdem hatte ich die Tätigkeit für meine Mutter nicht aufgegeben, zumal dies auch eine deutliche Verbesserung meines Taschengeldes mit sich brachte. So auch in den Osterferien 1975. Meine Eltern waren in Winterurlaub gefahren und ich hatte für diese Zeit die Betreuung der Milchbar übernommen und musste dies mit einem Arm machen. Problematisch war der Verkauf der Artikel zum Preis von 5 Pfennigen. Da ich nicht in der Lage war, mit einer Hand gleichzeitig die Tüte zu halten und die Salinos und die süßen Teufel in diese Tüte zu zählen, bat ich die Kunden darum, die Tüte zu halten. Das ging auch weitestgehend problemlos. Fragende Blicke beantwortete ich mit einer kurzen Erklärung.

Nun führen die Wasserfreunde auf einem Sonntag vor Ostern einen Wettkampf durch; volle Halle, riesen Andrang an der Milchbar: Cola, Limo, Eis, Würstchen, Suppe, Salinos und und und.... Nachdem ich mehrere Stunden bedient hatte und sich eine gewisse Zufriedenheit über das geleistete Pensum einstellte, kommt ein Kunde und bestellt mehrere Salinos und Konsorten. Ich nehme die Tüte, halte sie dem Kunden hin und bitte ihn sie zu halten. Die Antwort war ein abschätziger Blick und der Kommentar: „Nimm doch einfach die Hand aus der Tasche!“ Gut, es gibt nun mal Menschen, die beobachten nicht, sie überlegen nicht und lassen eben kein Fettnäpfchen aus. Ich war zwar getroffen und auch wütend, aber die Krönung kam noch. Irgendjemand hatte den Vorgang beobachtet und den völlig Unbedarften aufgeklärt. Seine Reaktion war bezeichnend. Er kam zu mir und erklärte mir aufgebracht, das könne man ja nun beim besten Willen nicht erkennen. Aha, es war also mein Fehler, dass ich mir kein Schild umgehängt hatte, auf dem stand: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich behindert bin.“