Rotlichtmilieu

R
O
T
L
I
C
H
T
M
I
L
I
E
U

Jeder richtige Karnevalsfreund kennt das:

Jedes Johr em Sommer
Jeiht dat Spillche widder loss.
Mit Sack un Pack no Spanien
Weil et do jo nit vill koss.

In den letzten Jahren hat dieses Lied für mich eine neue, ungeahnte Aktualität erhalten.

Ein anderes Zitat:

Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt ...Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Der Leser fragt: Was hat das miteinander zu tun? Die Antwort folgt auf dem Fuß. Beginnen wir mit dem Spanienlied. Dort fliegt man von Wahn nach Benidorm, was nicht mehr passt. Ich denke an den alljährlichen Wahnsinn zu Beginn der Sommerferien. Man fährt "Mit Sack un Pack no Spanien" oder Italien und genießt die ersten Urlaubsfreuden auf der Autobahn mit einem geselligen Beisammensein auf dem größten Parkplatz der Welt.Es soll Stau-Junkies, Stop-And-Go-Fanatiker und Standgas-Fetischisten geben, die ganz bewusst zu dieser Zeit in Urlaub fahren, weil sie das gesellige Zusammensein mögen.

Diesen Hochgenuss ruhenden Verkehrs gibt es aber auch ganzjährig: Leute, kommt nach Eschweiler! Ihr seid im Paradies der roten Ampeln, des Stop-And-Go und der Treibstoff-Umsatzsteigerung. Was würde Eschweiler ohne seine Adrenalin fördernde Beampelung an der Via Appia des verkehrsgeregelten Wahnsinns mit dem Namen Indestraße machen? Klar, Karneval feiern und zwar nicht nur zu jeder Jahreszeit und immerfort, sondern noch häufiger, weil ein erheblicher Überschuss im Portemonnaie entstünde. Äu Lersch könnte sein Kneipenimperium auf der Dürener Straße weiter ausbauen und würde Ankermieter im City-Center.

Aber das bleibt ein Hirngespinst. Die Realität sieht anders aus und bietet völlig entgegengesetzte Entwicklungsmöglichkeiten: Der Marktplatz wird nicht autofrei sondern zum Reserveplatz für Fahrzeuge, die bei nachlassendem Verkehrsaufkommen per grüner Welle auf der Marktstraße in den leider fließenden Verkehr auf der Indestraße geleitet werden.

Wir gründen für alle, die nun nicht mehr ein ganzes Jahr auf die Staufreude verzichten müssen, die Staufreunde Eschweiler eV von 2009, im Sinne unseres Brauchtums natürlich mit entsprechender Uniform und eigenem Trompeterkorps sowie einer ausreichenden Anzahl von Altfahrzeugen, mit denen bei Bedarf ein Unfall auf der A4 verursacht werden kann. So treibt man die ultimative Erfahrung des "Nichts-Geht-Mehr" auf den innerstädtischen Höhepunkt.

Rückbau der Indestraße? So ein Wahnsinn! Man sähe ja schon von der Autobahn aus, dass die ausgeschilderte Umleitung um Dürwiß herum der logischere Weg wäre.

Die Existenz der Öl-Multis ist in Eschweiler ampeltechnisch gesichert, aber ein Stadtteil, gegen dann man nicht genug Widerstand leisten kann, um den Eindringling darin festzuhalten, überragt die anderen um Längen! Die Verkehrsplaner hören nicht auf, die unbeugsamen Gallier daran zu hindern, in ihr eigenes Örtchen einzudringen. Ich rede von Weisweiler oder aus Sicht des Ampelrestkatastrophe Eschweiler-Fernost.

Keine Einmündungssituation ohne Ampelsituation. Nur an der neuen Brücke über die Autobahn haben die Verkehrsplaner jämmerlich versagt, denn dort wurde zur allgemeinen Empörung eine Kreisverkehrsituation herbeigeführt. Wer dort das erste Mal ankommt und innerhalb des Ampelkerkers wohnt, befindet sich ganz schnell in der Gefahr einer Herzstillstandsituation ob der fließenden Verkehrssituation.

Innerörtlich muss man damit rechnen, innerhalb von drei Minuten an der Autobahnauffahrt Eschweiler-Ost zu sein, während man auf der Bundesstraße locker das Doppelte veranschlagen kann. Denn dort regiert der Herr des Rotlichts, allerdings ohne Milieu, denn das wäre der Freude zu viel.

Unsere Staufreunde Eschweiler e. V. stellen sich selbstverständlich der Herausforderung in Eschweiler-Ost, ehe sie in das Dorf der Unbeugsamen eindringen und das Ampel-Feuerwerk am Haltepunkt der Euregio-Bahn in Angriff nehmen.

Zunächst allerdings Enttäuschung: Die Ampel an der Einmündung zum Gewerbegebiet "In der Krause" ist irrsinnigerweise nicht wieder eingeschaltet worden. Wir erleben die erste absolut notwendige Verkehrsbremse und leichtes Herzrasen am Frankenplatz. Dort bewegt sich Licht in der bekannten Farbkombination. Jeder einzelne Verkehrsteilnehmer wird freudig mit Farbenspiel begrüßt.

Wer es richtig macht, biegt aber am Gewerbegebiet links ab und steigert seine Bedürfnisse sofort durch die Spaßbremse Kreisverkehr hinter der Autobahnbrücke. Dort fahren wir parallel zur Autobahn (mit exklusivem Blick auf die von einem Klubmitglied verursachten Ausläufer des Staus auf der Autobahn) und erreichen einen der Vorposten der Weisweiler Herrlichkeit an der Einfahrt zum Gelände der EWV.

Leider haben wir dann zwei Ampeln linker Hand auslassen müssen, aber das Herz pocht trotzdem. Wenn wir Pech haben, sehen wir grün, vernünftig wäre rot, der geneigte Staufanatiker hofft auf gelb. Ganz ungünstig und äußerst abtörnend wäre die Kombination rot und gelb. Allerdings ist man in dieser Ecke sowieso noch enttäuscht, weil das verminderte Verkehrsaufkommen leider zu allzu schnellem Passieren führt..

Danach folgt bereits erwähnter Anlass zu Jubelarien am Frankenplatz.

Wer nun Glück hat, staut schon auf der Hauptstraße. Wer den verkehrten Zeitpunkt erwischt, sieht das Objekt der Begierde bereits nach wenigen Sekunden: Drei Ampeln in Folge, davon eine mit doppelter Ausstattung, in einem Abstand von etwa 25 Metern, so interessant und abwechslungsreich geschaltet, dass man dazu neigt, freiwillig Vergnügungssteuer zu zahlen.

Was jetzt nur noch fehlt, ist ein Komponist, der nach dem Vorbild von Johann Strauß einen Walzer komponiert mit dem Titel "An der schönen klaren Inde". Lässt man den dann im Wagen laufen, macht die Ampel dazu die Lichtorgel im Dreiviertel-Takt.

Für den versierten Stausucher ist es wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Hier das Rezept zum ultimativen Genuss:

  1. Nähere Dich dem Ort der Begierde sieben Minuten vor dem Ende der Stunde. Deine animalische Gier lechzt danach: Vier rote Ampeln, Herzklopfen!
  2. Wer nun in Sorge ist, der Zustand könnte sich allzu schnell wieder ändern, der sei beruhigt. Das bleibt so etwa 30 Sekunden und erfährt eine Steigerung durch Zuschaltung weiterer roter Liebesbezeugungen mit der Botschaft: Bis hierher und keinen Schritt weiter! Erhöhter Ausstoß von Glückshormonen!
  3. Danach senkt sich das Fallbeil der Verkehrsgioutine, denn die Haftbedingungen des Ampelkerkers werden verschärft durch die Euregiobahn, die viermal pro Stunde am Grenzübergang zur freien Welt Streife fährt. Der Versuch einer LaOla endet am Autodach!
  4. Es herrscht Grabesstille für garantierte zwei bis zweieinhalb Minuten. Dann kündigt die Grenzpatrouille in der Farbkombination rot und blau das Ende des himmlischen Vergnügens an. Der Hormonhaushalt droht sich zu normalisieren.
  5. Die Schranken gehen hoch, die Lichtorgel blinkt zum Takt des Inde-Walzers und der Ärger beginnt: Autos rollen. Nur die Ruhe, der unnatürliche Zustand ist schnell wieder beendet, nachdem vier Fahrzeuge aus der Verkehrsdisco entlassen wurden. Großhirn an alle: Fertigmachen zur Endlosfreude!
  6. Es ist jetzt etwa zwei Minuten vor dem Beginn der neuen Stunde und Du warst hoffentlich nicht unter den vier Unglücksraben, die zu nah an der Ampel standen. Es folgt nämlich rot. Beginne nun wieder bei 2., zweiter Satz zu lesen und ziehe diese Wiederholung gnadenlos durch bis Punkt 5., erster Satz. Danach wechselst Du zum folgenden Absatz.
  7. Nachdem nun blendende Voraussetzungen für alle Stop-And-Go-Fanatiker geschaffen wurden, können wir den langsam abfließenden Verkehr angenehm lange Minuten genießen. Wer Glück hatte, stand so weit hinten, dass die Wiederholung der Punkte eins bis sechs zur halben Stunde so tief reingeht wie Humphrey Bogarts Aufforderung an Ingrid Bergmann im Film Casablanca: "Schau mir in die Augen, Kleines!"

Wem das nun alles noch nicht reicht: in unmittelbarer Nähe des Bahnübergangs befindet sich ein mehr oder weniger vor sich hin vegetierender Parkplatz auf dem Driesch, dem es bei Veranstaltungen in der Festhalle genauso geht, wie der Autobahn-Umleitung. Er wird missachtet. Also, der Staujunkie packt sich einfach seine Klappmöbel ein, die Kühltasche voll und die Kinder auf den Kindersitz, fährt zum Mekka der verkorksten Ampelschaltungen und parkt auf besagtem Parkplatz. Dann baut der Rotlichtfreund auf dem Bürgersteig seine Camping-Idylle auf und stellt den Kartoffelsalat und die Frikadellen auf den Tisch. Die Kinder können an der Inde spielen und der Vergnügungssüchtige gewinnt im viertelstündlichen Rhythmus eine ungeahnte Zahl neuer Freunde.

Schlimm wird es nur, wenn man vergessen hat, den Senf einzupacken und das fällt einem etwa zehn Minuten vor Ende der vollen Stunde auf. Ehe man mit dem Wagen den nahegelegenen Supermarkt jenseits des Ampelkerkers hinter den letzten Ausläufern der Rotlichtorgie erreicht hat und wieder bei seinen Freunden eintrifft, ist der Kartoffelsalat sauer.