Lehrer brauchen kompetente Ansprechpartner

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Es lebe die Demokratie! Sie ist so etwas Schönes, denn sie bietet allen Menschen die Möglichkeit, uneingeschränkt ihre Meinung zu sagen. Dies geschieht häufig in Diskussionen. Mit dem Diskutieren ist es wie mit dem Kinderkriegen. Die biologische Voraussetzung bringt zunächst jeder mit. Diskussionen sind auch ganz toll. Im demokratischen Wortwechsel tauscht man seine Meinung aus, befruchtet sich gegenseitig, bringt sich weiter oder stellt einfach fest, dass man anderer Meinung ist. Folglich bedarf Demokratie einer gewissen Kultur des Meinungsaustauschs.

So etwas lernt man ja schon im Kindesalter, wenn man sich mit unterschiedlichen Meinungen über die wichtigen Dinge des Lebens auseinandersetzt: „Mein Pippimann ist aber länger als Deiner!“ „Ist er nicht!“ „Ist er doch!“ „Ist er nicht!“ „Ist er doch!“ „Aber Du hast doch gar keinen, Du bist doch ein Mädchen!“ „Ja und, aber wenn ich einen hätte, dann wäre er länger.“ „Wär er nicht!“ „Wär er doch!“ usw. usw.

Mancher Diskutant ist über diese wohltuende Form der Unterhaltung allerdings auch im fortgeschrittenen Alter noch nicht hinauskommen, wie das folgende Beispiel zeigt. Die Versuchsanordnung: Eine Geburtstagsfeier, viele nette Leute, man unterhält sich; es gibt Leckeres zu essen und zu trinken. Nach Vollendung der Buffetzerstörung kommt man rein zufällig wieder in Unterhaltungen mit anderen netten Leuten. Man diskutiert über dies und das, über die Dinge des Lebens. Das Schicksal will es so, dass dabei auch das Bildungssystem unseres Staates in epischer Breite abgearbeitet wird.

Furchtbar ist nur, wenn an dieser Diskussion ein Lehrer teilnimmt. Ein Lehrer! Die einzige Spezies auf dieser Welt, die für all das bezahlt wird, was sie nicht kann. Man könnte auch sagen: Was unterscheidet Lehrer vom Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft? Die Antwort: Nichts!

Die wahren Könner sind die, die ihr gesammeltes Wissen aus der unerschöpflichen Quelle des Hörensagens, der Gerüchte und Vermutungen beziehen. Denn dort liegt der Kern des Universalwissens.

Genau diese Situation stellt sich im Laufe der Diskussion ein und der Pauker versucht doch echt eine Antwort zu geben, als der Könner den Satz sagt: „Ein Lehrer ist gar nicht in der Lage, Schüler in ihren Fähigkeiten einzuschätzen.“

Der Lehrer traut sich was. Da er da anderer Meinung ist und diese Aussage an einem Punkt weiterentwickelt werden sollte, sagt er: „Das kann ich schon ...“ und will gerade zum Aber ausholen, um den Gedankenfehler aus seiner Sicht darzustellen, als der Universalgelehrte ihm ins Wort fällt und ultimativ diktatorisch einwirft: „Das kannst Du nicht, das glaube ich Dir nicht!“ Der Lehrer, beseelt von der Überzeugung, dass er es nicht mit einem der Schüler zu tun hat, die ihm eine Woche lang den letzten Nerv geraubt haben, versucht es noch einmal mit dem gleichen Ansatz: „Das kann ich schon ...“ und will gerade wieder zum Aber ausholen, um seine Aussage zu begründen ..... was soll ich sagen?

Es folgt der unabdingbare Beweis meiner Unfähigkeit: „Das kannst Du nicht, das glaube ich Dir nicht!“ Lehrer glauben ja unentwegt und unablässig an das Gute im Menschen und versuchen dieses zu befördern, indem sie sanften Druck auf ihr Gegenüber ausüben: „Das kann ich schon, aber Du lässt mich nicht ausreden und deshalb kann ich Dir nicht erklären, wo das Problem aus meiner Sicht liegt.“ Antwort: „Das kannst Du nicht, das glaube ich Dir nicht!“ Nächster Versuch: „Du lässt mich nicht ausreden, ich würde es Dir gerne erklären.“ Jetzt nimmt das Gespräch eine ungeahnte Wende zum Positiven, denn mein Gegenüber erklärt: „So möchte ich nicht diskutieren, nein, ich möchte das nicht.“ Letzter Versuch: „Darf ich meine Sicht der Dinge darlegen?“ Die logische Antwort: „So möchte ich nicht diskutieren!“

Damit hatte die Diskussion den Status des Pippimanns erreicht und der Lehrer nutzte die Möglichkeit, sich mit anderen nach wie vor netten Menschen über die Dinge zu unterhalten, von denen er etwas verstehen darf.

Kommen wir aber noch einmal zurück zu unserer Kinderdiskussion. Nachdem die beiden Streithähne nachhaltig zu keinem Ergebnis kamen, gingen sie schlecht gelaunt auseinander und sich aus dem Weg. allerdings wollte es das Schicksal, dass beide sich am nächsten Tag im Sandkasten des Spielplatzes trafen und es kam die unumgängliche Frage: „Spielen wir wieder zusammen?“

Auf dem Weg zur Toilette traf ich den Meinungsführer in Fragen des Bildungsnotstandes zufällig vor der Toilettentür und mir begegnete die Frage: „Sind wir jetzt Feinde?“