Beruf: Lehrer

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Manche Lebensläufe sind schon etwas eigenartig. Da geht das Arbeiterkind in den sechziger Jahren zum Gymnasium, mogelt sich dort mehr schlecht als recht durch und hat ein Ziel, weil es ein Vorbild hat. Dieses Vorbild ist sein Klassenlehrer, Diplomsportlehrer von Beruf und heißt Schran. Also nimmt der Möchtegern-Akademiker sich vor, Diplomsportlehrer zu werden.

Nun gut, das mit dem Sport wird nichts, aber die Geisteswissenschaften bieten in den achtziger Jahren auch blendende Voraussetzungen für ausgebildete Lehrer, um in die Arbeitslosigkeit zu wandern. Da sitzt der Mensch mit dem höchsten Ausbildungsabschluss, den man in Deutschland erreichen kann, zu Hause und überlegt, wie er doch noch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden kann. Die Lösung liegt auf der Hand: Computer konnte ich noch nie leiden, warum ärgere ich mich nicht einfach über sie, indem ich mich damit beruflich beschäftige? Geisteswissenschaften und Informatik sind doch sowieso fast dasselbe.

Gesagt, getan! Weiterbildung und folgende Anstellung in der Erwachsenenbildung. Toll! Lehrer bleiben, eben nur etwas anders. Das nennt sich dann Dozent.

Erwachsene wollen jede Menge Input! Also paukt der Pauker von MS-DOS , Desktop-Publishing und DBase über COBOL bis hin zu Netzwerktechnik und gibt den arbeitsamtsgeförderten Input-Berechtigten das, was sie erwarten. Oder was zumindest die meisten erwarten. Benimmt sich einer daneben, hat er ein Problem, ich nicht.

Das Netzwerk der Firma Novell entwickelt sich in dieser Zeit von der Version 3 weiter bis zur Version 6, das Arbeitsamt zur Arbeitsagentur und die Arbeitslosigkeit durch Hartz von der Version I bis zur Version IV. Das entpuppt sich letztlich als Salamitaktik für meine Arbeitsstelle. Am Ende steht die Schließung der Firma und Thomas vor der Frage, was er jetzt nicht leiden kann, um es dann doch zu tun.

Also: Was tun? Du hast doch irgendwann mal was völlig Unsinniges gelernt, warum kramst Du das nicht wieder raus? Wie sang schon Peter Cornelius vor etlichen Jahren?

Komm wir streichen fünfzehn Jahr
holn jetzt alles nach
als ob dazwischen einfach nix war.

Cornelius meinte zwar seine Schülerliebe und bei mir waren es neunzehn Jahre, aber das hat so was Nostalgisches. Genau wie mein zweites Staatsexamen. Geschichte und Sozialwissenschaften, Themen aus einer anderen Welt und einem anderen Leben. Stellte man mir im Jahr 2000 die Frage, ob ich mir noch einmal ein Leben als Lehrer vorstellen konnte, antwortete ich kategorisch und im Imperativ: „Nein! SoWi? Ich? Geh weg! Das ist so wenig fassbar!“ In der Informatik ist das anders: Mein Haus, mein Auto, mein Boot! Eins plus eins ist zwei! In der Soziologie ist eins plus eins ungefähr die Hälfte!

Was stört mich mein Geschwätz von 2000? Der Kamin muss rauchen und das Geld nach BAT II stinkt auch nicht. Bewerbung geht ab, was soll ich sagen? Es hat geklappt und seit dem ist eins plus eins wieder ungefähr die Hälfte, zumindest zeitweise. Denn meistens ist es immer noch zwei, weil Informatik nun mal Mangelfach an Schulen in NRW ist.

Noch etwas hat sich verändert: Benimmt sich einer daneben, hab ich ein Problem, der andere zwar auch, aber in Ermangelung von Einsicht und Reife wird das leicht zur Endlosgeschichte.

Allerdings gibt es auch immer wieder Anlass für ziemlich dicke Backen, wenn Schülerinnen ihren Charme und Schüler ihre Schwerelosigkeit zu erkennen geben.