Lieblingslehrer

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Das Unwort des Jahres, ach was des Jahrzehnts, wenn nicht noch länger!. Schüler kramen diesen Begriff immer wieder heraus, zu allen Gelegenheiten. Entweder, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen oder auch, wenn ihnen gerade nichts Unsinnigeres einfällt. Beispiele gibt es genug.

Schüler kriegen Noten, hierzu der Standard: Herr Stevens, geben Sie mir doch eine zwei! Sie sind dann auch mein Lieblingslehrer.

Schüler auf dem Schulhof: Guten Tag, Herr Stevens, Sie sind mein Lieblingslehrer! Aha, denkt der Lieblingslehrer. Allerdings kommt es bei etwa tausend Schülern durchaus vor, dass der Lieblingslehrer den einen oder anderen Schüler überhaupt nicht kennt. Wieso gehört das Gesicht, dessen Mund gerade die Standardaussage Nr. eins entwischen ist, ausgerechnet zu dieser Gruppe? Vielleicht weil ich zufälligerweise diesen einen Schüler noch nie unterrichtet habe? Bingo!

Bei einem anderen Schüler wurde das Ganze zu einem für uns beide lieb gewordenen Ritual. In der 10d des Schuljahres 2005/06 unterrichtete ich Geschichte und in dieser Klasse tat sich gewissermaßen direkt auf beiden Seiten eine Antenne auf. Auch hier kam schon sehr früh von einigen Schülern der derselbe Spruch. Einer von ihnen wiederholte ihn aber mit einer gewissen Nachhaltigkeit und tat das auch noch in der Oberstufe, obwohl ich gar keinen Unterricht mehr mit ihm hatte. Osman begrüßte mich zu jeder Gelegenheit mit den Worten: „Guten Morgen, Herr Stevens, mein Lieblingslehrer!“ Meine Antwort: „Guten Morgen, mein Lieblings-Osman!“

Der absolute Brüller kam aus einem vollkommen ehrlichen Kindermund. Der Mund gehörte zu Lisa, achtes Schuljahr, und verzückte mich im ersten Jahr meines Schullebens mit dem weisen und vollkommen Ernst gemeinten Kompliment: „Herr Stevens, Sie sind mein Lieblingslehrer! Sie haben so herrlich wenig Unterrichtserfahrung!“

Was soll ich dazu sagen? Der Gentleman genießt und schweigt.