Die Post hat so ihre Geheimnisse

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Ich gebe zu: Ich habe es nie geschafft! Ich bin ein Stubenhocker und sitze mit 51 Jahren immer noch in meinem Kinderzimmer. Gut, es ist zwar heute als Büro möbliert, in den ehemaligen Kinderzimmern meiner Schwestern habe ich meinen ganz persönlichen 09. November gefeiert und festgestellt: „Die Mauer muss weg!“, aber ich sitze noch immer hier in der ersten Etage und werde diese Wohnung wohl erst verlassen, wenn ich meine letzte Hitzeschlacht im Krematorium verloren habe.

Das Einzige, wozu ich mich durchringen konnte, war ein neuer Hauseingang und die Krönung dabei: Eine eigene Hausnummer! Jubel! Ich bin umgezogen, von Hausnummer 10 nach 10b! Und das ohne ein Möbelstück zu bewegen!

Denn ich sah die Katastrophe auf mich zukommen: Was soll die Post nur machen, wenn es auf einem Grundstück zwei Haustüren mit einer Hausnummer gibt? Die Post würde das Porto erhöhen, da sie kaum in der Lage sein könnte, den Personalaufwand für diese prekäre Situation zu erbringen. Was ich nicht wusste: Die Post hat ihre eigenen Mittel und Wege, solche offensichtlichen Erleichterungen zu ignorieren.

Schauen wir uns mal die Logik an. Wir schreiben Adressen vom Namen bis zur Stadt von oben nach unten.

Thomas Stevens
Im Eichelkamp 10a
52249 Eschweiler

Die Post - sollte man meinen - liest das nun von unten nach oben.

52249 Eschweiler
Im Eichelkamp 10a
Thomas Stevens

Weit gefehlt! Die Post hat ihr eigenes, nicht vorhandenes System, denn sie verfrachtet meine Post immer in das Postfach unseres Schwimmvereins und die meines Sohnes Marvin in das meines Vaters, mit Namen Martin. Jetzt wird es interessant: Eschweiler hat die Postleitzahl 52249 und das seit Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Denn die Post wollte die Zustellung beschleunigen und schenkt uns seit dieser Zeit ein Buch, da es wichtig ist, sich die verschiedenen Postleitzahlen nicht mehr merken zu können.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen (denn das System sollte ja idiotensicher werden), steht in der Postagentur bei Hein Esser ein Rollwagen mit Postfächern, der seinen ganzen zustellerischen Stolz durch eine eigene Postleitzahl zum Ausdruck bringt: 52240.

Wer den Unterschied nicht bemerkt hat, der gehe bitte noch einmal zwei Absätze zurück. Unterschied verstanden? OK, ist ja nicht schwer, ist ja logisch, denn idiotensicher, aber eben nichts für Idioten, ganz sicher! Man muss ja logisch vorgehen und jetzt kommt die Logik: Die Post kann das nicht. Unten steht: 52249 Eschweiler oder 52240 Eschweiler. Das erste ist Eschweiler, Briefkasten für Briefkasten, Haus für Haus, Straße für Straße, das zweite ist Hein Esser, Postfach für Postfach, alle in Weisweiler, aber Postagentur, Lindenallee.

Gehen wir eine Zeile höher, aber erst, nachdem die Postleitzahl in ihrem Wahrheitsgehalt ignoriert wurde. Im ersten Fall folgt eine Straße mit Hausnummer, im zweiten Fall eine Postfachnummer. Der geneigte Leser merkt den filigranen Unterschied. Im ersten Fall gibt es einen Kasten mit Klappe an meiner Haustür unter bewusst gewählter, neuer Hausnummer, im zweiten eine helfende Hand bei Hein, die den Rollwagen vorzieht und den Brief in das richtige Postfach legt, welches dann nach einiger Zeit von zuständigem Postfachbesitzer mit Schlüssel geöffnet und fachmännisch seines Inhaltes entledigt wird.

Gehen wir noch eine Zeile höher. Dort steht ein Name, bei allen Bewohnern unseres Hauses eben Stevens. Zur Unterscheidung aller betroffenen Personen erhielt jeder nach seiner Geburt den sogenannten Vornamen. Ja, das muss man so erklären, denn die Post kennt diese Feinheiten nicht. Sie liest stenografisch. Die Adresse

Thomas Stevens
Im Eichelkamp 10a
52249 Eschweiler

verändert sich nach dem Anbringen des Poststempels zu

Stevens
Im Eichelkamp
Eschweiler

und das ist dasselbe wie Postfach 7226.

Aus

Marvin Stevens
Im Eichelkamp 10a
52249 Eschweiler

wird

Martin
Im Eichelkamp
Eschweiler

und das ist Postfach 7227.

Die Logik ist genial, da völlig losgelöst und führt wahrscheinlich demnächst dazu, dass mein Vater als oberster Postfachentleerer einen Nebenjob als Briefträger für Weisweiler erhält. Da er Rentner ist, erhält er nur einen Minijob und die Post spart sich den lästigen Mindestlohn. Da er aufgrund altersbedingter Unpässlichkeit nicht mehr in der Lage ist, den Job auszuführen, gibt es eine Lösung: Ganz Weisweiler holt sich die Post bei Hein ab, alle Postfächer werden vorher aufgelöst und auf den großen Rollwagen schreiben wir nur noch: Weisweiler, ehemals mit Straßennamen, heute nur noch: Alles hierher!

Hein seinerseits macht daraus ein Quiz: Heiteres Adressenraten mit Hein Esser und erhält dafür den alten Sendeplatz von Robert Lemke, der in den sechziger und siebziger Jahren noch ein heiteres Beruferaten im ZDF darbot. Dessen Lieblingsfrage: „Welches Schweinderl hättens denn gern?“ ersetzt Hein durch den Satz: „Höttste leever ding Post oder die van ding Frau?“.

Wer jetzt den Zusammenhang nicht versteht, dem soll geholfen werden. Die Nachfolger derer von Thurn und Taxis ließen nach einem mehr oder weniger freundlichen Brief meinerseits durch Hein die Frage an mich richten, ob ich denn nicht der Einfachheit halber regelmäßig mal zum Postfach kommen könnte, um dort meine Post abzuholen, da ich als Vorsitzender des Schwimmvereins doch für dieses Postfach eingetragen sei.

Ich habe Hein darum gebeten, der Post auszurichten, sie habe doch ein ziemlich eindeutiges System, das nur verlange, die Adresse von unten nach oben zu lesen. Bereits in der ersten Zeile würde dann klar, wo der so bedeutsame Unterschied zwischen Postfach und Briefkasten läge.

Und siehe da, die haben das verstanden! Ich weiß jetzt auch, wo das Problem lag: Das musste denen nur mal einer richtig erklären, die wussten das nämlich noch nicht! Woher denn auch, das Wissen um diese Feinheiten hatte Herr Zumwinkel im Nummernkonto in Liechtenstein versteckt,welches nach der Entdeckung des Kontos mit demselben vom Finanzamt konfisziert wurde.

Wer jetzt allerdings glaubt, ich hätte auch nur ein Wort des Dankes für meine bahnbrechende Aufklärungsarbeit bekommen, der irrt gewaltig. Stattdessen musste ich zunächst die Erfahrung machen, dass die Post ihre eigene Adresse nicht erkennt.

Meinen Brief, mit dem ich mich, wie gesagt, mehr oder weniger freundlich beim obersten Briefmarkenverkäufer in Eschweiler beschwert hatte, fand nämlich nicht den Weg in die Postzentrale sondern vollkommen unerklärlicherweise wie durch Geisterhand gesteuert ....... den Weg in meinen Briefkasten. Vielleicht sollte ich allen Leuten, die mir schreiben, empfehlen, keine Briefmarke aufzukleben, denn dann erkennt die Post offensichtlich den Unterschied zwischen 52249 und 52240.