Und die Realität holt sie doch ein!

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Nun ist der Wahlkampf zu Ende und ich überlege mir, weshalb ich meine Einkäufe aufgrund der Reichtumsversprechen der Linken nach der Steuerdrohung rückgängig gemacht habe (siehe Wahlkampf 2009). Das lag wahrscheinlich auch daran, dass eine Große Koalition zu befürchten war. Vielleicht sollte ich mal einen Psycho-Doc konsultieren. Das muss etwas mit fehlendem Selbstvertrauen zu tun haben. Denn heute wird mir bewusst, dass das gar nicht nötig war.

Der Reichtum bricht doch auch jetzt aus, denn die FDP ist in der Regierung! Wir zahlen ja nun unsere Schulden durch Steuersenkungen zurück, die insbesondere die Familien in das Paradies der finanziellen Glückseligkeit bringen wird. Familien mit zwei Kindern bezahlen ja demnächst keine Steuern mehr, wenn sie nicht über 40.000 € verdienen.

Folglich suche ich mir eine Frau mit einem Kind, stelle die vor meinen Herd, schleppe deren Nachwuchs mit durch und schon bricht bei mir der Reichtum aus. Allerdings muss ich dafür sorgen, dass die Perle tatsächlich nicht arbeitet, sonst verliere ich den Anspruch auf Reichtum und muss die Steuern mit bezahlen, die andere einsparen. Über die Schulden brauchen wir uns ja keine Sorgen zu machen. Die bezahlen sich von selbst.

Während ich hier am Montag nach der Wahl vor dem Compi sitze und mir Gedanken mache, spüre ich förmlich den Aufschwung. Ich entscheide mich gerade dazu, meinen Rücktritt vom Rücktritt zu den Einkäufen von vor wenigen Tagen zu erklären.

Das Problem ist nur, wenn ich über diesen Montag hinausschaue, sehe ich auch den neuen Abschwung, es sei denn die FDP hat entdeckt, wie man die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus (oh, Entschuldigung, man muss ja Marktwirtschaft sagen) ausschaltet. Wenn also dieser nächste Abschwung kommt, werden die Steuern weiter gesenkt. Familien mit zwei Kindern zahlen dann eben bis 60.000 € keine Steuern mehr und schon geht es wieder aufwärts. Da in der ersten Aufschwung-Westerwelle der kommenden Jahre ja die 1,7 Billionen € Schulden durch Steuersenkungen locker abbezahlt wurden, der neuerliche Abschwung somit kein Problem ist, da es ihn ja nach Kapitalismus-Verständnis au Guido ja nicht gibt, ist es bis zum Schlaraffenland nur noch ein kleiner Armstrong-Schritt für die deutsche Menschheit.

Mein Entschluss steht: Ich werde nachher die Geschäfte in der Innenstadt wieder heimsuchen und meinen Irrtum allen Geschäftsleuten gegenüber offenlegen. Ich hatte vor der Wahl einfach nur auf das falsche Pferd gesetzt. Nicht Gregor und Oskar sind die wahren Verkünder des neuen deutschen Reichtums, nein, es ist Guido, der hat den Kapitalismus neu erfunden, denn die Marktwirtschaft geht vor ihm in die Knie, überlegt, wie sie dazu kommen konnte, in den letzten Jahren immer wieder mal zu kriseln und definiert sich jetzt selbst neu. Nach der ersten Stunde beim selben Psycho-Doc wird der Marktwirtschaft urplötzlich bewusst, welchen Fehler sie gemacht hat, als sie von denselben Methoden an den Rand des Zusammenbruchs getrieben wurde, die Aufschwung-Guido jetzt schon wieder hochhält. Die Marktwirtschaft kapituliert gewissermaßen vor der unbestechlichen Logik des FDP-Wahlprogramms.

Es gibt nur eines, was ich nicht verstehe. Warum treten die Heilsbringer der sozialen Marktwirtschaft eigentlich in zwei Parteien auf? Bei einer Fusion der Linken und der FDP hätten wir doch blendende Voraussetzungen für den ewigen Aufschwung und die ewige Glückseligkeit aller. Diese neue Partei - ein sinnvoller Name wäre: Die Linke FDP - nimmt sich als Juniorpartner die SPD und schon haben wir für vier Jahre eine tolle Mehrheit.

Vor der Wahl 2013 weiß die SPD wieder nicht, warum sie in den Umfragen so schlecht abschneidet, obwohl sie die konstruktiveren Vorschläge in der Regierungsarbeit gemacht hat, Franz Müntefering verkündet als frisch gebackener Familienvater mit Steuervorteil, dass Opposition Mist ist, Frank-Walter Steinmeier erinnert an die Wahlen 2005, als im letzten Moment der große Umschwung kam und die SPD kämpft gegen die Fünf-Prozent-Hürde.