Reichtum für alle - besteuern

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Der Sommer 2009 - nicht das Gelbe vom Ei. Wettermäßig plätscherte er bis zum Schluss mehr oder weniger vor sich hin und wollte nicht so richtig. Aber dann wurde es heiß, als keiner mehr damit rechnete. Es war nämlich Wahlkampf und das auch noch zweimal. Zuerst die Kommunalwahl im August, die aber eher zum schlechten Wetter beitrug, da das, was da passierte, eher triste war.

In Eschweiler robbte die CDU durch die Bedeutungslosigkeit aufgrund nicht vorhandener Bürgernähe und heichte nach Anerkennung durch Mitleid erweckende Plakate. Entweder war das Entwicklungshilfe oder der Fotograf der Kandidatenbilder hat in dieser Fotosession mit dem Fotografieren zum ersten Mal sein nicht vorhandenes Talent entdeckt oder er hat der CDU Schmerzensgeld bezahlt. Denn das Ergebnis erinnerte eher an ein Feldlazarett bei einer Wehrübung der zweiten Korporalschaft der Eschweiler Scharwache denn an Wahlkampf.

Einer der Kandidaten erinnerte an seine eigenen Kinderfotos mit von den Eltern diktierter Frisur ostpreußischer Jugendlicher in den dreißiger Jahren, der andere wirkte wie ein Patient mit Gesichtslähmung nach dem Anblick des eigenen Wahlprogramms, der nächste versteckte sein Gesicht hinter einem Teppich aus Augenbrauen, der dritte hatte wohl gerade seinen ganz persönlichen Hungerstreik gegen die erdrückende Überlegenheit der Sozialdemokraten hinter sich. Und eine Kandidatin wirkte wie eine Parodie von Miss Piggy in der ultimativen und letzten Ausgabe der Schweine im Weltall. Allerdings hatten diese Wahlplakate etwas Gutes, denn der geneigte Autofahrer wurde wach gehalten und blieb bei guter Laune auf seiner Fahrt durch die Stadt.

Dann kam der September. Es war Bundestagswahl und das Fünf-Parteien-System strahlte im ganzen Glanz der Kompromisslosigkeit zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Wäre da nicht die Hitze um die Plakate im Spätsommer, die für den umworbenen Wähler nahezu unerträglich wurde. Sechs Wochen Ferien, durchschnittliches Wetter und mit dem Beginn der Schule entdeckt der bereits als Geriatrie-Patient im Juni geborene Sommer die Möglichkeit des zweiten Frühlings in der zweiten Augusthälfte. Obelix hätte gesagt: Der spinnt, der Sommer. Die Plakate selbst waren eher wie immer, nämlich nichtssagend, mit einer Ausnahme.

Nach getaner Arbeit fuuhr ich in Richtung Innenstadt, hatte gerade den Ärger des Weisweiler Ampelkerkers hinter mir gelassen, als ich es sah: Das Plakat, das mich alles Ungemach der schnöden Alltäglichkeit abstreifen ließ. Was sah mein gequältes Portemonnaie dort am Laternenpfahl in großen, schwarzen Lettern unter dem freundlichen Lächeln von Gregog Gysi prangen?

Reichtum für alle!

Boah ey! Auf meinem weiteren Weg in die Innenstadt war ich äußerst unaufmerksam. Denn ich wurde den Gedanken nicht mehr los: "Wenn alles gut läuft, bin ich nach dem 27. September ein reicher Mann." Unter einer Voraussetzung: Oskar Lafontaine würde Bundeskanzler, Gregor Gysi Finanzminister und Guido Westerwelle verzichtete zugunsten von Angela Merkel auf das Amt des Außenministers und würde in der rot-gelb-schwarzen Koalition Gesundheitsminister. Ich kam auf meinem weiteren Weg sogar zu der Überzeugung, dass die aufziehenden, tiefgreifenden politischen Veränderungen es als angebracht erscheinen ließen, die Reihenfolge der Farben in unserer Flagge zu verändern. Das war ja wohl das Mindeste, was man in so einer Situation zu tun hatte!

Ich war von dem Gedanken meines schnellen Reichtums so angetan, dass ich bei meinem Gang durch die Stadt alle Vorsicht sausen ließ, nur mit Karte bezahlte, meinem jüngsten Sohn im Spielwarengeschäft Rosenbaum den lang ersehnten Wunsch auf das Großprojekt Modelleisenbahn erfüllte, im Libro-Drom für mich ein ganzes Regal voll Büchern kaufte, das ich mit einer kräftigen Lage edler Tropfen im Weinladen an der Post dezent unterlegte. Für meine ältesten Söhne buchte ich im Reise- und Freizeit-Sevice einen Urlaub auf den Malediven und nahm mir vor, auf dem Rückweg im Obi das Holz für ein jetzt dringend notwendiges Bücherregal und ein Weinregal zu kaufen.

Selbst die anschließende Entspannung im Schwimmbad brachte mich nicht zur Ruhe und ich stieg wieder in mein Auto, um den Weg zum Obi endlich hinter mich zu bringen. Ich fuhr gerade über die Dürener Straße auf die Abzweigung zum Obi zu, träumte weiterhin von den ungeahnten Möglichkeiten, die sich mir nach dem 27. September erschließen würden, als ich wieder eines dieser Heil bringenden Plakate sah. Ich geriet fast aus dem Gleichgewicht, war gerade im Begriff, mich für ein Reserveregal zu entscheiden, da ich wohl am nächsten Tag das Libro-Drom wieder heimsuchen würde - und sah stattdessen das Unheil in unfassbarer Brutalität:

Reichtum besteuern!

Ich erahnte meinen Steuerbescheid für das Jahr 2010, in dem nach beschlossener Steuerreform meine Kauforgie mit aggressiver Aufschreibung in ungeahnter Höhe den ganzen Traum vom Reichtum zerplatzen lassen musste. Vollbremsung, waghalsiges Wendemanöver kurz vor dem Ampelkerker, zurück in die Innenstadt. Ich stornierte die Reise für meine ältesten Söhne, bat Herrn Rosenbaum, sein Geschäft, das er wegen Reichtums geschlossen hatte, wieder zu öffnen und meine Eisenbahnbestellung zu stornieren, da er ansonsten die Folgen für sein Geschäft kaum verantworten könnte und überredete Herrn Habedank im Libro-Drom, die Bücher wieder in sein Regal zu stellen, da ich leider im Obi wegen vorangegangener Panikkäufe keine geeigneten Regale zu erstehen in der Lage war. Das könnte er ja seinen guten Büchern kaum antun, dass sie bei mir in unvertretbarer Weise auf dem Fußboden verrotten müssten. Außerdem lenkte ich seinen Blick auf die mir drohende Katastrophe im Jahr 2010 und zeigte ihm auf, dass er die ihm nach meinem Kauf drohende finanzielle Katastrophe finanziell kaum überleben würde. Herr Kohlen im Weinladen hatte gerade begonnen, sich in den von mir übrig gelassenen Restbeständen zu ertränken und konnte von mir gerade noch in die Realität des neuen Steuermodells zurückgeholt werden.

Zu Hause angekommen öffnete ich mir ein Bier, setzte mich auf die Couch und ließ das Erlebte noch einmal Revue passieren. Nachdem ich den gesamten Stressschweiß hinter mir gelassen hatte und ich wieder einigermaßen klar denken konnte, wurde mir bewusst, was die Linke eigentlich damit bezweckte:

Gregor Gysi legt seinem Kanzler Oskar Lafontaine einen Gesetzentwurf vor, der binnen eines Jahres die gesamte Bevölkerung Deutschlands zu Fast-Millionären macht. Guido Westerwelle reibt sich die Hände, weil dieser Gesetzentwurf natürlich eindeutig den Mittelstand stärkt, denn alle sind Privat-Patienten, die Lohnnebenkosten sinken folglich erheblich, da Privat-Patienten aufgrund der bevorzugten Behandlung schneller gesund werden. Kurze Zeit später herrscht Vollbeschäftigung, denn es arbeitet ja keiner mehr.

Ausbilden brauchen wir ja nicht mehr, da jeder nur noch den Berufswunsch Millionär hat und das entlastet auch den Mittelstand. Angela Merkel träumt schon wieder von der Kanzlerschaft, denn Millionäre wählen ja CDU. Nur Frank-Walter Steinmeier warnt nachhaltig vor dem drohenden Arbeitsplatzverlust.

Als Gregor Gysi ihn fragt, wo denn die Arbeitsplätze der Millionäre bedroht seien, merkt Oskar Lafontaine, welches Ungemach da auf ihn zukommt. Mit dieser Politik bedroht er seine eigene Position als Rächer der Enterbten. Am Ende spielt er noch der bösen SPD in die Hände, die plötzlich bereit ist, über die Abschaffung von Harz IV zu sprechen!

Selbsterhaltungstrieb! Das ist es! Jawoll. Der Reichtum macht die Linke überflüssig, also muss diese lebensbedrohliche Situation durch höhere Steuern so zurückgedreht werden, dass alle Gebeutelten wenigstens wieder SPD wählen und Oskar Lafontaine wegen besonderer Verdienste um die Sozialdemokratie dorthin zurückkehren kann.

Aber das war es nicht, was mich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht hatte. Es war die Erinnerung an meine politische Sünde von vor zwei Wochen: Ich hatte bereits Briefwahl gemacht und nicht die Linke gewählt. Denn eigentlich glaube ich das ja alles nicht!